Mut zum einseitigen Stillen

Viele Frauen haben beim Stillen eine bessere und eine schlechtere Seite und auch die Babys bevorzugen meist eine bestimmte Brustseite. Bei mir war der Unterschied zwischen der linken und der rechten Seite aber extrem, die linke Seite bereitete mir bei beiden Kindern ziemlich große Schwierigkeiten beim Stillen, sodass ich beim zweiten Kind entschieden habe, nur noch mit der guten, rechten Seite weiter zu stillen. Das kam so:

Im Jahr 2015 kam unsere Tochter Maja zur Welt. Ich wünschte mir eine möglichst natürliche Geburt und bereitete mich dementsprechend vor. Die Geburt an sich war dann für mich ein tolles Erlebnis. Sie dauerte zwar sehr lange und war kräftezehrend, aber unsere Tochter kam ohne Probleme oder Schmerzen gesund zur Welt. Danach war ich guter Dinge und glaubte, das Wichtigste und Schlimmste sei geschafft. Die folgenden Tage im Krankenhaus und zuhause waren aber für mich schlimmer als die Geburt selbst: Der Milcheinschuss war immens und mir tat alles weh. Unsere Tochter trank gut an der Brust, aber leeren konnte sie sie nie. Kaum zuhause hatte ich sieben Tage nach der Geburt die erste Brustentzündung. Über die gesamte Stillzeit hinweg hatte ich dann regelmäßig Brustentzündungen, immer auf der linken Seite. Zu Beginn hatte ich rund alle zwei Wochen die typischen Symptome wie Schmerzen, Schwindel, Schüttelfrost, Fieber und totales Schwächegefühl. Zudem hatte ich links, auch wenn es gerade keinen Milchstau gab, sehr oft Schmerzen beim Stillen – oft saß ich unter Tränen auf dem Sofa und hoffte, dass unsere Kleine bald fertig wäre.

Immer wenn die Brust entzündet war oder ich einen Milchstau spürte, behandelte ich mit den üblichen Mitteln (Wickel aus Quark und Retterspitz). Meine Hebamme Carola betreute mich gut und ermunterte mich, weiterhin zu stillen. Ich wollte das auch und konnte mir nicht vorstellen, abzustillen – aus innerer Überzeugung, aber auch aus dem ganz praktischen Grund, dass ich bei einem abrupten Abstillen einen neuen Milchstau riskierte. Unsere Tochter wurde auch prima satt, daher fand ich es abwegig, ihr plötzlich ein Fläschchen zu geben. Ich hoffte, es würde irgendwann aufhören und ich unternahm alles, um Besserung zu erzielen (allerlei Globuli und Mittelchen, Lasertherapie, Stillberatung, Ruhe und Schonung…).

Leider war das nie der Fall. Zwar wurden die Entzündungen seltener und ich erkannte meist schon früh, dass wieder etwas im Anmarsch war, wodurch ich schnell Gegenmaßnahmen einleiten und so schlimme Entzündungen oder gar Abszesse vermeiden konnte. Trotzdem lag ich alle paar Wochen flach, die ständigen Fieberattacken schwächten mich und meinen Allgemeinzustand empfand ich als eher schlecht. Ich traute mich auch kaum noch aus dem Haus aus Angst, mich irgendwie zu überfordern. Auf diese Weise stillte ich unsere Tochter sechs Monate voll. Mit Beginn der Beikost begann ich schrittweise abzustillen und nach acht Monaten ließ ich das Stillen ganz bleiben. Obwohl ich stolz war, dass ich es geschafft hatte, war ich trotzdem sehr erleichtert, als es endlich vorbei war. Ich schwor mir, das nie wieder so auf meine Kosten durchzuziehen.

2019 wurde unser Sohn Till geboren. Mein Vorsatz, mich diesmal nicht zu quälen, war immer noch da. Ich hoffte allerdings, dass ich diesmal besser zurechtkommen würde, weil ich mich direkt nach der Geburt, die diesmal sehr schnell verlief, gut und stark fühlte, auch wenn die riesige Milchmenge mir anfangs wieder zu schaffen machte. Doch es kam wieder anders. Die erste Woche war stressig für mich, da unser kleiner Sohn starke Gelbsucht hatte und wir wieder in die Klinik mussten. Dort hatte ich fünf Tage nach der Geburt die erste Brustentzündung, wieder auf der linken Seite. Ich hatte ein regelrechtes Déjà-vu und fühlte mich ähnlich ohnmächtig und hilflos wie vier Jahre zuvor. Die folgenden drei Wochen waren geprägt von ständigen Milchstaus und Fieber, immer wieder lag ich im Bett und ich behandelte auf bewährte Weise. Diesmal nahm ich auf Empfehlung der Hebammen in der Klinik, denen ich meine Geschichte geschildert hatte, auch ein Präparat (MAM Biotic), das mikrobiotisch helfen soll. Vielleicht hat es das Schlimmste verhindert, aber es ging mir einfach weiterhin schlecht. Der Gedanke ans Abstillen war wieder da. Obwohl ich mich nach danach sehnte, endlich gesund und fit zu sein, wollte ich unser Kind gerne stillen, was für mich aber Quälerei bedeutete. Dieser innere Konflikt beschäftigte mich tagelang. Da erinnerte ich mich an die Worte meiner ersten Hebamme, Carola, die mir 2015 gesagt hatte, dass man auch mit nur einer Seite stillen könne. Damals kam das nicht für mich in Frage, weil ich immer glaubte, dass es schon irgendwann besser werden würde. Doch weil es nun wieder genauso anfing wie damals, wusste ich es leider besser. Ich dachte, dass das einseitige Stillen für mich vielleicht die Rettung wäre und fragte meine jetzige Hebamme Maike um Rat. Sie hatte nichts gegen meinen Plan einzuwenden und meinte auch, es sei einen Versuch wert. Sie ermunterte mich so, weiterhin zu stillen, was ja auch mein eigentlicher Wunsch war.

Weil in der linken Seite aufgrund der ständigen Probleme sowieso weniger Milch war als rechts, legte ich unser Baby von nun an einfach nicht mehr links an. Die ersten Tage musste ich ein wenig abpumpen, um diese kranke Seite zu entlasten. Dann war das schnell gar nicht mehr nötig und ich ließ die Brust einfach in Ruhe. Es dauerte circa fünf Wochen, bis links fast gar keine Milch mehr vorhanden und die Brust deutlich kleiner geworden war. In diesen fünf Wochen war ich auch noch nicht gleich beschwerdefrei, aber ich spürte, wie es mir allmählich besser ging. Nach den fünf Wochen war der ganze Spuk plötzlich vorbei. Till war zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb Monate alt. Inzwischen ist er acht Monate alt und ich stille nur noch nachts. Die letzten fünf Monate waren total entspannt, ganz so, wie man sich eine schöne Stillzeit vorstellt. Ich fühlte mich trotz mancher schlechter Nacht gesund und stark und konnte diese Zeit mit unserem Sohn rundum genießen.

Ich kann anderen jungen Müttern nur Mut machen, nicht zu schnell aufzugeben, erstmal etwas auszuprobieren und ihren eigenen Weg zu gehen. Mein Gynäkologe hat mich ziemlich seltsam angeschaut, als ich ihm bei der Nachsorge erzählt habe, dass ich einseitig stille. Für mich war es aber die absolut richtige Entscheidung. Ich bin froh und dankbar, dass meine beiden Hebammen mich in meinem Wunsch, meine Kinder zu stillen, so stark unterstützt haben und wir gemeinsam die für mich perfekte Lösung gefunden haben. Ich bin glücklich darüber, dass ich beim zweiten Mal die Stillzeit genießen konnte.