Die mentalen Entwicklungssprünge

Liebe Eltern, schön, dass ihr euch für die einzelnen Sprünge interessiert. Als Grundlage für die nachfolgenden Erklärungen dienen das Buch und die App "Oje, ich wachse!" https://www.onlinehebamme.de/mamaratgeber/babys-erstes-jahr/wonder-weeks

Stell dir einmal vor, du würdest auf einem fremden Planeten erwachen. Nichts ist mehr so, wie du es kennst - alles ist anders, deine Welt ist einmal auf den Kopf gestellt. Die Autoren des Buches regen zum Nachdenken an: "Was würden Sie tun? Würden Sie ruhig weiterschlafen? Nein. Hätten Sie großen Appetit? Nein. Würden Sie sich an eine vertraute Person klammern wollen? Ja. Und genau das ist es, was Ihr Baby tut." (Oje, ich wachse; S. 20).

In meinen Augen ist der Erklärungsansatz sehr gelungen. Insgesamt gibt es nämlich 10 Sprünge in den ersten 20 Lebensmonaten eures Lieblings. In dieser Blogreihe möchte ich euch aber nur die ersten acht vorstellen, also bis euer Baby circa 14 Monate alt ist.

            Sprung 1 (Woche 5) - Wahrnehmungsveränderungen, Sprung in der Reife

            Sprung 2 (Woche 8) - Muster

            Sprung 3 (Woche 12) - Fließende Übergänge

            Sprung 4 (Woche 19) - Ereignisse

            Sprung 5 (Woche 26) - Beziehungen, Zusammenhänge

            Sprung 6 (Woche 37) - Kategorien

            Sprung 7 (Woche 46) - Abfolgen, Reihenfolgen

            Sprung 8 (Woche 55) - Programme

            Sprung 9 (Woche 64) - Prinzipien

            Sprung 10 (Woche 75) - Systeme

Grundsätzlich kann man einen Sprung unterteilen: a) Ankündigung des Sprungs, b) der Sprung selbst, c) Auswirkungen des Sprungs bzw. Hilfestellungen von den Eltern an das Baby und d) Anzeichen, dass der Sprung geschafft wurde. Wie so oft im Leben gibt es zwei Seiten der Medaille - so auch hier. Am besten, ihr merkt euch, dass ein Sprung immer mit Freud und Leid verbunden ist.

 

Sprung 1 - Wahrnehmungsveränderungen, Sprung in der Reife

Um die 5. Woche nach dem errechneten Entbindungstermin (ET) durchläuft euer Baby die erste neuronale Entwicklung. Bis jetzt nahm euer Kleines die Welt da draußen noch völlig unscharf und undefiniert wahr. Seine Sinne werden nun viel sensibler, es kann klarer und weiter sehen, die Art und Weise wie euer Baby nun seine Umwelt und euch wahrnimmt, verändert sich grundlegend. Nach diesem Sprung wird euch vielleicht auffallen, dass euer Neugeborenes auf Reize und auf euch anders reagiert als bisher.

Sprung 2 - Muster

Um die 8. Woche nach dem errechneten ET beginnt die Entwicklung des zweiten Sprunges. Viele Babys schreien jetzt mehr als vorher, denn Schreien ist gerade die einzige Möglichkeit für euer Baby seine Gefühle mitzuteilen. Ab jetzt könnt ihr die in Teil 1 beschriebenen Anzeichen eines Sprunges wahrnehmen. Natürlich zeigt jedes Baby auf seine eigene Art, dass sich gerade viel verändert. Einige Anzeichen finden sich aber bei jedem Sprung wieder. Gebt eurem Baby viel Körperkontakt, das beruhigt die meisten.            
Ab jetzt ist euer Baby in der Lage, einfache Muster um sich herum zu erkennen. Es ist von Licht- und Schattenreflexen fasziniert. Es probiert stundenlang die gleichen Arm- und Beinbewegungen und -haltungen. Es gibt die ersten Laute (ah, eh, üh) von sich und entdeckt seine Stimme. Ab jetzt nimmt euer Baby die Welt um sich herum nicht mehr als Einheitsbrei wahr, sondern beginnt damit in einer sehr einfachen Form zu differenzieren. Die ersten zielgerichteten Bewegungen werden nun geübt und automatische Reflexe verschwinden mehr und mehr. Die Bewegungen sehen anfangs recht hölzern, steif und unkoordiniert aus, ähnlich wie bei einer Marionette.

 

Sprung 3 - Fließende Übergänge

Um die 12. Woche nach dem errechneten ET verwandeln sich die puppenartigen Fuchtelbewegungen eures Babys in fließendere Bewegungsweisen. Natürlich passieren diese Veränderungen nicht über Nacht und ihr bemerkt diese auch nicht nur an den Bewegungsabläufen. Aber dort werden sie euch am meisten auffallen. Die Welt eures Babys wird durch diesen Sprung viel strukturierter. Eurem Baby werden viele neue Dinge auffallen, wie z.B. eine veränderte Stimmlage oder eine herum schleichende Katze, und es wird die Dinge anders wahrnehmen als zuvor. Ab jetzt könnt ihr feststellen, dass euer Baby fremdelt.          
Viele Dinge, die wir Erwachsene als selbstverständlich wahrnehmen, müssen die Kleinen zuerst einmal wahrnehmen, dann verstehen und erlernen und schließlich umsetzen. Wenn das Umsetzen geschafft ist, hat euer Baby eines seiner magischen Schlüsselerlebnisse. Von diesen alltäglichen Dingen und Schlüsselmomenten gibt es eine ganze Menge! Beobachtet doch mal euren Alltag. Ab jetzt kann euer Baby nämlich die fließenden Übergänge mit allen Sinnen wahrnehmen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen.

Die Fertigkeit, fließende Übergänge wahrzunehmen, ist die Voraussetzung für den Versuch sich aufzusetzen. Wenn euer Baby drei bis acht Monate alt ist, wird es dies versuchen.

Sprung 4 - Ereignisse

Um die 19. Woche nach dem errechneten ET setzt der Sprung ein. Häufig sagt man, dass er der Anstrengendste für Kind und Eltern ist. Jetzt fragt ihr euch vermutlich warum. Es ist so, dass wir Erwachsenen tagtäglich von früh bis spät von alltäglichen, kleinen Ereignissen umgeben sind, die wir als selbstverständlich wahrnehmen. Wir kennen den Ablauf dieser Ereignisse, da unsere Erfahrung es uns gelehrt hat. Zum Beispiel wissen wir, dass ein fallengelassener Ball vom Boden nach oben zurückhüpft oder ein Glas, das vom Tisch fällt, logischerweise unten auf dem Boden aufkommt und vermutlich zerbricht. Für euer Baby sind diese Ereignisse vollkommen unvorhersehbar und neu.     
Ab jetzt wird euer Kleines beginnen mit Ereignissen zu experimentieren. Vor diesem Sprung konnte euer Baby nur eine einzige fließende Bewegung wahrnehmen, nach diesem Sprung wird es in der Lage sein eine kurze Reihe von bekannten fließenden Übergängen in seiner unmittelbaren Umgebung wahrzunehmen (z.B. gezielt nach einem Gegenstand zu greifen anstatt danach zu schlagen).

Alle neuen Erfahrungen werden im Schlaf verarbeitet und davon gibt es jetzt eine ganze Menge. Heißt: es kommen viele unruhige Nächte, lange Abende und ein neuer Schlafrhythmus auf euch zu. Das alles ist natürlich vom Wesen eures Babys abhängig, es kann also in stark ausgeprägter Form auf euch zukommen oder in abgeschwächter. Das Gute aber ist, dass es sich "nur" um ein paar Wochen handelt ;)

 

Liebe Eltern, ich wünsche euch viel Geduld für die anstrengenden Tage, viel Platz im Herzen für die unvergesslichen Momente, Liebe, gute Laune und genügend erholsamen Schlaf. Und bitte denkt immer dran: ihr seid nicht allein, alle Eltern kommen irgendwann ans Limit. Aber nach jedem nervenaufreibenden Sprung folgen Sonnentage!